481 – Ironman 70.3 mit Typ-1-Diabetes: Carlos Race Day in Leipzig
Manche Leute kommen aus dem Urlaub zurück und brauchen erst mal eine Woche Sofa. Carlo kommt aus fünf Wochen Radreise durch Tadschikistan zurück und steht drei Wochen später an der Startlinie seines ersten Ironman 70.3.
Ja, genau: 1,9 Kilometer Schwimmen, 90 Kilometer Rad, 21,1 Kilometer Laufen. Mit Typ-1-Diabetes. Es ist sein dritter Besuch bei mir im Podcast, für ihn ist das langsam wie Wohnzimmer.
Die Zahlen und eine leere Uhr
Im Wasser war er 34:50 Minuten unterwegs. Auf dem Rad brauchte er 2:27 Stunden bei einem Schnitt von gut 36 km/h. Den Halbmarathon lief er in 1:30:03, die Gesamtzeit lag bei 4:46 Stunden. Das große Ziel, unter fünf Stunden zu bleiben, hat er geschafft.
Das kleine Ziel, den Halbmarathon unter 1:30 zu laufen, hat er um drei Sekunden verpasst. Der Grund: Er hat die Laufuhr am Abend vorher nicht geladen. Beim Schwimmstart zeigte sie noch 14 % an, nach sieben Kilometern Laufen war Schluss. Carlo nennt das selbst einen Rookie-Fehler. Ich finde es beruhigend menschlich.
Race Morning: nicht perfekt, aber im Griff
Die Nacht vor dem Rennen lief nicht nach Plan. Carlo hatte eine Unterzuckerung und ist schweißgebadet aufgewacht. Kennst Du, oder? Genau dann, wenn man es am wenigsten braucht.
Er hat gegengesteuert und vorsichtiger gefrühstückt. Am Schwimmstart stand er mit 7,5 mmol/l da, also rund 135 mg/dl. Für ihn war das ein Wert, mit dem er sich gut gefühlt hat.
Ehrlich gesagt ist mir da kurz die Kinnlade runtergefallen. Ich persönlich gehe nie unter 250 mg/dl ins Wasser und nehme vorher noch ein Gel. Genau das ist der Punkt: Es gibt nicht den einen richtigen Startwert. Es gibt Deinen, und den findest Du mit Deinem Diabetesteam und mit Erfahrung.
Blindflug im See
1,9 Kilometer im See bedeuten keine Werte, also kompletten Blindflug. Carlo hatte deshalb ein Backup dabei. Im rechten Ärmel des Neoprenanzugs steckte ein Gel für den Notfall, im linken ein Müsliriegel, der etwas sanfter wirkt. Gebraucht hat er beides nicht. Allein das Wissen, dass es da ist, macht im Kopf aber viel aus.
Wechselzone: erst checken, dann alles andere
Während andere durch die Wechselzone hetzen, hat Carlo sich bewusst Zeit genommen. Er ist ins Zelt, hat das Handy rausgeholt, den Wert angeschaut, in den Finger gestochen und doppelt geprüft. Danach hat er sich umgezogen, Iso-Getränk und Riegel genommen und den Pen eingepackt. Hat er dabei Zeit verloren? Klar. Das war ihm egal, und vielleicht ist das die wichtigste Lektion der ganzen Folge.
Auf dem Rad schlägt der Stress zu
Nach zehn Kilometern auf dem Rad war der Garmin endlich verbunden. Der Wert kannte nur eine Richtung: nach oben, Richtung 12 bis 14 mmol/l. Carlo vermutet Stresshormone aus Schwimmen und erstem Wechsel. Spannend fand ich, dass ihm danach viele andere Triathleten mit Diabetes genau das Gleiche erzählt haben.
Er hat gewartet und gehofft, dass der Wert von allein runtergeht. Das tat er nicht. Bei Kilometer 30 hat er dann auf dem Rad zwei Einheiten gespritzt, zur Verwunderung der Leute, die an ihm vorbeigefahren sind. Danach war es stabil. Bei Kilometer 80 kam dann natürlich die Kurve in die andere Richtung. Zum Glück hatte er eine Flasche mit schneller Energie dabei.
Dazu kam dieses Dilemma: Eigentlich musst Du essen und trinken, aber der Wert ist hoch. Beide Flaschen waren mit Sportgetränk gefüllt, keine mit reinem Wasser. Also hat er an der Verpflegung eine Flasche getauscht. Das sind Entscheidungen im Sekundentakt. Carlo berät als Trainer sonst andere Menschen. Er sagt, wenn Du plötzlich nur für Dich selbst entscheiden musst, mit dem Diabetes obendrauf, gehen Dir ein paar mehr Gedanken durch den Kopf.
Laufen ohne Handy, aber mit Plan B
Auf der Laufstrecke hatte Carlo kein Handy dabei. Er läuft einfach lieber ohne und vertraut auf sein Körpergefühl. Leichtsinnig war das nicht ganz:
- Seine Eltern standen mit Teststreifen an der Strecke.
- Die Runde war nur sieben Kilometer lang.
- Die Verpflegungsstände lagen dicht beieinander.
Die Sicherheit kam hier von Menschen statt von Technik. Und danach? Am Abend war der Wert eher etwas hoch. Der Tag danach war ein klassischer Stresstag für den Körper, mit zwei schönen Kamelbuckeln in der Kurve. Nicht optimal, aber das passiert.
Die Bullshit-Story heißt: „Das geht mit Diabetes nicht.”
Ein Satz ist mir hängen geblieben: Wenn wir davor Angst haben, dann begrenzen wir uns. Darauf hat Carlo einfach keinen Bock.
Seine Botschaft an alle, die über eine Mitteldistanz nachdenken: Es ist möglich. Dafür braucht es konstantes Training und Strategien, die Du vorher testest, zum Beispiel was Dein Magen verträgt und was Dir guttut. Dazu ein Team um Dich herum. Und beim ersten Mal vor allem Ruhe: In der Wechselzone nicht stressen lassen, erst mal ankommen, das Erlebnis mitnehmen und schauen, wo Du stehst. Pushen kannst Du beim zweiten Mal.
Den Tipp, die ersten Kilometer nicht zu schnell anzugehen, hatte er übrigens auch bekommen. Sein erster Kilometer: 3:40. Der zweite: 3:50. Sein Kommentar an sich selbst: „Du Idiot.” Willkommen im Club.
Ich feiere Carlo dafür. Wo andere ohne Diabetes schon sagen „Nee, lass mal”, macht er es einfach. Nicht weil alles glatt läuft, sondern obwohl es das nicht tut.
Hör rein, lass Dich anstecken, und dann geh raus und greif Deine Projekte an.
Show Notes
469 – Marathon, Skispringen, Mont Blanc: Was mit Diabetes Typ 1 möglich sein kann
475 – Mit Diabetes Typ 1 durchs Pamir-Gebirge
Kontaktdaten:
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