475 – Mit Diabetes Typ 1 durchs Pamir-Gebirge
Es gibt Reisen, bei denen Du vorher schon weißt: Das wird kein Wellnessurlaub.
Und dann gibt es Reisen, bei denen Du nach ein paar Tagen wahrscheinlich denkst: Wer zum Teufel hatte eigentlich diese Idee?
Carlo Brömel gehört eindeutig zur zweiten Kategorie.

39 Tage war er mit seiner Partnerin unterwegs. Davon saß er 27 Tage auf dem Fahrrad. Am Ende standen 1.814 Kilometer auf der Uhr und eine ordentliche Portion Höhenmeter. Tadschikistan, die afghanische Grenze, Pässe jenseits der 4.000 Meter, Kirgistan – und mittendrin ein Typ-1-Diabetes, der selbstverständlich auch noch mitreisen wollte.
Und genau da wird die Geschichte spannend.
Die größte Apotheke Tadschikistans fährt Fahrrad
Bei einer solchen Tour packst Du nicht einfach zwei T-Shirts, eine Zahnbürste und ein Ladekabel ein.
Carlo hatte bei seinem Diabetesmaterial lieber zu viel als zu wenig dabei. Insulin, Nadeln, zusätzliche Sensoren und Backup-Material wanderten in die Taschen. Seine Partnerin scherzte irgendwann, sie hätten wahrscheinlich die größte Apotheke Tadschikistans dabei.
Und ganz ehrlich: Genau diese Übervorsichtigkeit kann unterwegs verdammt beruhigend sein.
Denn wenn Du irgendwo im Nirgendwo auf dem Rad sitzt, hilft Dir der Gedanke „Wird schon irgendwie gehen“ nur bedingt. Carlo beschreibt ziemlich deutlich, wie viel Sicherheit ihm das zusätzliche Material gegeben hat.
Pasta, Reis, Snickers – willkommen im Sporternährungszentrum
Die nächste Herausforderung: Essen.
Sobald die größeren Orte hinter ihnen lagen, wurde die Auswahl überschaubar. Pasta. Reis. Instantnudeln. Vielleicht etwas Fleisch. Und immer wieder Snacks.
Carlo scherzt selbst, dass Snickers, Coca-Cola oder Pepsi eigentlich als Sponsoren der Tour hätten auftreten können.
Sechs bis sieben Stunden Radfahren am Tag bei teilweise extremer Hitze verändern eben einiges. Sein Insulinbedarf war während der Tour deutlich niedriger als im normalen Alltag, während gleichzeitig regelmäßig Energie nachgeliefert werden musste.
Und nein: Das ist keine Anleitung nach dem Motto „Fahr Fahrrad und iss Snickers“.
Es zeigt vielmehr, wie individuell Diabetesmanagement unter Extrembedingungen werden kann.
45 Grad und die Pasta des Grauens
Dann kam eine Erfahrung, auf die vermutlich beide gerne verzichtet hätten.
Übrig gebliebene Pasta wurde bei ungefähr 45 Grad für später aufgehoben.
Keine besonders brillante Idee.
Das Ergebnis: eine heftige Lebensmittelvergiftung mit massivem Durchfall. Und zwar irgendwo dort, wo die nächste komfortable Toilette ungefähr genauso realistisch war wie ein klimatisiertes Einkaufszentrum.
Carlo erzählt von einer Etappe, auf der er immer wieder vom Rad musste. Gleichzeitig merkte er, dass sein Körper Nahrung zunehmend schlechter annahm und der Glukosewert weiter nach unten unterwegs war.
Irgendwann war die Batterie leer.
Er stieg vom Rad, zitterte, setzte sich an den Straßenrand und beschreibt eine Situation zwischen körperlicher Erschöpfung, Angst, Tränen und völliger Überforderung.
Das ist vielleicht einer der wichtigsten Momente dieser Folge.
Nicht weil hier jemand heldenhaft alles wegdrückt.
Sondern weil irgendwann eben nichts mehr wegzudrücken ist.
Pausieren ist keine Niederlage
Im Rückblick sagt Carlo selbst: Vielleicht hätten sie sich öfter erlauben müssen, einfach mal einen Tag Pause zu machen.
Besonders die Höhe setzte ihm später zu. Über viele Tage schliefen sie auf mehr als 3.000 Metern. Carlo bekam nachts schlecht Luft und kam teilweise nur auf wenige Stunden Schlaf.
Am Tag funktionierte das Radfahren erstaunlicherweise trotzdem.
Nachts kam die Rechnung.
Am Ende hatte Carlo rund acht Kilogramm Körpergewicht verloren.
Und genau da steckt eine ziemlich starke Botschaft drin: Ein Körper kann erstaunlich lange funktionieren, obwohl die Reserven längst Richtung Keller gehen.
Deshalb ist Pause nicht automatisch Schwäche.
Manchmal ist Pause einfach vernünftig.
Und dann sind da diese Menschen
Was bei all den körperlichen Herausforderungen fast noch stärker hängen bleibt, ist Carlos Begeisterung für die Menschen.
Immer wieder hielten Leute an. Sie boten Wasser, Cola, Essen oder Hilfe an. Familien luden die beiden zu Tee, Brot oder einer Mahlzeit ein – teilweise Menschen, die selbst nicht viel besitzen.
Carlo beschreibt diese Gastfreundschaft als unglaublich warm und erdend.
Weniger besitzen. Trotzdem teilen.
Während wir uns zu Hause darüber aufregen, dass irgendeine App nach einem Update plötzlich einen Button verschoben hat.
Kannste Dir nicht ausdenken.
Und was bleibt für den Diabetes?
Vielleicht dieser eine Satz:
Es geht.
Nicht immer schön. Nicht immer perfekt. Nicht ohne Planung. Nicht ohne Backup. Und ganz sicher nicht ohne Situationen, in denen Du Deine Pläne ändern musst.
Aber Diabetes Typ 1 bedeutet nicht automatisch, dass solche Abenteuer für Dich gestrichen sind.
Carlo ist über einen Pass auf 4.655 Metern gefahren, hat tagelang jenseits der 3.000 Meter gelebt, Hitze, schlechte Straßen, monotone Ernährung und eine Lebensmittelvergiftung durchgestanden – und sagt danach nicht: „Nie wieder.“
Im Gegenteil.
Die Reise hat ihm gezeigt, dass er sich auch in Zukunft außergewöhnliche Länder und Touren zutrauen möchte.
Vielleicht ist genau das der Punkt.
Du musst nicht mit dem Fahrrad nach Tadschikistan fahren.
Aber vielleicht gibt es dieses eine Ding, das Du Dir seit Jahren nicht zutraust, weil Dein Diabetes ständig die beste Ausrede liefert.
Dann wäre die Frage:
Ist wirklich Dein Diabetes das Problem – oder ist es die Bullshit-Story, die Du Dir darüber erzählst?
Show Notes
469 – Marathon, Skispringen, Mont Blanc: Was mit Diabetes Typ 1 möglich sein kann
Link zu Carlos Polarstep zur Reise „Pamir Highway“
https://www.polarsteps.com/CarloBr%C3%B6mel/26606586-pamir-highway
Kontaktdaten:
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