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469 – Marathon, Skispringen, Mont Blanc: Was mit Diabetes Typ 1 möglich sein kann

Diabetes Typ 1, 1.400 Kilometer Fahrrad, 20.000 Höhenmeter und die Frage: „Geht das überhaupt?“

Manchmal kommt Diabetes in Dein Leben wie ein ungebetener Gast auf einer Party, auf die er wirklich niemand eingeladen hat. Du bist gerade mitten im Leben, machst Sport, hast Pläne, bist unterwegs, fühlst Dich eigentlich wie jemand, der seinen Körper kennt – und plötzlich sagt ein Arzt: „Sie haben Diabetes.“

Und dann sitzt Du da.

Nicht als medizinisches Lehrbuch. Nicht als Statistik. Sondern als Mensch. Mit Lieblingsessen. Mit Reisen im Kopf. Mit Sport in den Beinen. Mit Fragen im Bauch. Und vielleicht mit diesem einen Gedanken: „War’s das jetzt?“

In Folge 469 spreche ich mit Carlo Brömel. Carlo ist 38, kommt aus Thüringen, war Leistungssportler in der Nordischen Kombination, lebte viele Jahre in Oslo, arbeitet als Coach im Skispringen und hat vor rund zwei Jahren die Diagnose Diabetes Typ 1 bekommen. Also nicht gerade der klassische „Ich sitze nur rum und bewege mich nie“-Fall. Zwei Monate vor seiner Diagnose lief er noch seinen bisher schnellsten Marathon: 2 Stunden 45 Minuten. Ja, richtig gelesen. Keine Tippfehler. Keine Rollschuhe. Einfach Carlo.

Und genau deshalb ist diese Folge so stark.

Denn Carlo erzählt nicht die Geschichte von „Diabetes ist egal“. Ist es nämlich nicht. Er erzählt auch nicht: „Alles easy, einfach machen.“ Auch Quatsch. Er erzählt ehrlich, wie es war, als plötzlich die Augen schlechter wurden, der Durst nicht mehr normal war, der Körper immer dünner wurde und irgendwann klar war: Da stimmt etwas nicht.

Die Diagnose war erst mal ein Schock. Natürlich. Plötzlich steht diese Frage im Raum: Was darf ich noch? Kann ich wieder Marathon laufen? Muss ich meine sportlichen Projekte begraben? Gibt es jetzt nur noch Gemüse und traurige Teller?

Und dann kommt dieser Moment, den viele von uns kennen: Erst kommt Panik. Dann kommt Sortieren. Dann kommt Lernen. Und irgendwann kommt vielleicht dieser Schalter im Kopf: „Warum soll ich mit den Dingen aufhören, die mir guttun?“

Carlo hat diesen Schalter gefunden.

Nicht perfekt. Nicht mit Zauberformel. Nicht mit einem Patent-Rezept, das jetzt bitte alle 1:1 kopieren sollen. Sondern mit Beobachten, Ausprobieren und einer ziemlich klaren Haltung: Bewegung hilft ihm. Regelmäßigkeit hilft ihm. Vorbereitung hilft ihm. Und sein Körper spricht mit ihm – manchmal freundlich, manchmal wie ein schlecht gelaunter Skisprungtrainer im Regen.

Besonders spannend wird es, wenn Carlo über Sport mit Diabetes spricht. Marathon, Trailrunning, Skitouren, Mont Blanc, Radreisen, Alpenüberquerung – das klingt alles erst mal nach „Okay, ich geh dann mal kurz zurück aufs Sofa“. Aber die eigentliche Botschaft ist nicht: Du musst jetzt 1.400 Kilometer durch Zentralasien radeln. Die Botschaft ist: Dein Diabetes darf nicht automatisch die Grenze sein, bevor Du überhaupt losgegangen bist.

Natürlich braucht es Planung. Carlo spricht über Vorbereitung vor Wettkämpfen, über stabile Routinen, Schlaf, Ernährung, Verpflegungspunkte und darüber, dass er beim „Carboloading“ eher vorsichtig und dosiert vorgeht. Er erzählt auch von Läufen, bei denen die Werte nicht so liefen wie geplant. Von hohen Werten im Marathon. Von Regenerationsphasen, die plötzlich Achterbahn fahren. Von Reisetagen im Auto oder Flugzeug, die für seinen Blutzucker viel schwieriger sind als manche sportliche Belastung.

Und genau das macht diese Folge so wertvoll: Sie romantisiert nichts.

Diabetes ist mit dabei. Im Gepäck. Auf dem Fahrrad. Beim Marathon. Im Flugzeug. Auf 4.000 Metern Höhe. Beim Essen. Beim Planen. Beim Zweifeln. Aber er sitzt nicht am Steuer.

Aktuell plant Carlo mit seiner Freundin eine Bikepacking-Tour über den Pamir Highway: von Tadschikistan nach Kirgistan. Fünf Wochen, rund 1.400 Kilometer, etwa 20.000 Höhenmeter, viele Tage auf 3.000 Metern und höher, der höchste Pass ungefähr bei 4.600 Metern. Zelt, Kocher, Gepäck, Essen, Ersatzmaterial – und Diabetes natürlich auch noch mit im Team. Klingt nach Abenteuer. Klingt nach „Seid ihr eigentlich völlig bekloppt?“ Klingt aber auch nach Leben.

Was mich an Carlo besonders abholt: Er tut nicht so, als hätte er auf alles eine Antwort. Gerade vor dieser Reise sind da offene Fragen. Wie wird die Ernährung vor Ort? Wie reagiert der Körper auf Höhe, Belastung, Klima und Infrastruktur? Was passiert, wenn mal nicht alles verfügbar ist? Wie läuft das mit Energie, Insulin, Bewegung und Erholung?

Aber statt sich von diesen Fragen stoppen zu lassen, bereitet er sich vor und fährt los.

Und vielleicht ist genau das der Punkt für uns alle. Du musst nicht Carlo sein. Du musst keinen Marathon in 2:45 laufen. Du musst nicht auf den Mont Blanc. Du musst nicht mit 20 Kilo Gepäck über Pässe radeln, bei denen normale Menschen schon beim Anschauen Google Maps beleidigen.

Aber vielleicht gibt es da etwas, das Du Dir wegen Diabetes nicht mehr zutraust. Eine Reise. Ein Lauf. Ein neues Hobby. Ein Spaziergang, der sich wieder nach Freiheit anfühlt. Ein Essen ohne Panik. Ein Ziel, das Du heimlich schon abgeschrieben hast.

Dann ist diese Folge ein kleiner Tritt in den Hintern. Liebevoll natürlich. Zuckerjunkies-Style.

Diabetes ist scheiße. Ja. Den würden wir alle gerne abgeben. Sofort. Geschenkpapier drum, Schleife drauf, weg damit. Aber solange er da ist, bleibt die Frage: Wer bestimmt Dein Leben – Dein Diabetes oder die Bullshit-Story, die Du Dir jeden Tag darüber erzählst?

Carlo zeigt: Es geht nicht darum, keine Angst zu haben. Es geht darum, trotzdem loszugehen. Mit Plan. Mit Respekt. Mit Humor. Und vielleicht mit ein bisschen Rückenwind, wenn es bergauf geht.

Mein Gast stellt sich vor

Mein Name ist Carlo und ich bin ursprünglich aus Schmiedefeld am Rennsteig in Thüringen.
Meine T1DB Diagnose war im Januar 2024 und damit im Alter von 36. Früher war ich Leistungssportler in Nordische Kombination & Leichtathletik bevor ich dies aufgeben musste wegen einer weiteren Autoimmunerkrankung (Kugelzellenanämie). Ich habe einen Bachelor in Sportwissenschaft mit Spezialisierung auf Leistunssport und Coaching von der Universität Leipzig. Nach meinen Erasmusaufenthalt in Oslo im Fach Friluftslif habe ich eine Trainerstelle in Oslo als Kinder und Juniorennationaltrainer angetreten und von 2012 bis 2025 in Oslo / Norwegen gelebt & gearbeitet.
Seit August 2025 bin ich nun als Skisprungtrainer im Nationalteam Schweiz tätig. Viele Reisen, Stunden im Auto & Flieger stellen sich meist als Herausforderung im täglichen Arbeitsleben mit T1DB.
Persönlich bin ich selbst nach wie vor selbst aktiv von Laufen, Radfahren, Skitouren, Wandern, Ballspiel usw.!
So habe ich meine persönliche Bestzeit im Marathon im Oktober 2023 aufgestellt mit 2:45:26h, ca. 2 Monate vor Diagnose.
Letztes Jahr habe ich die L´etappe de Tour (131km, 4500hm) gemeistert.
Die letzten Jahre habe ich mit meiner Freundin unsere Urlaube hauptsächlich auf den Rad beim Bikepacking verbracht. Touren entlang der Küste von Norwegen, Alpenüberquerung von Genf nach Nizza letztes Jahre oder 2022 durch die Provence.
Dieses Jahr wagen wir uns an das Projekt Pamir Highway, ca. 1400km und 18000hm. 5 Wochen sind eingeplant für die Reise von Dushanbe (Tadschikistan) nach Osch (Kirgisistan). Sehr remote Gegend und spannende Challenges von Kultur, Weg, Ernährung, Klima und Mentale Herausforderungen stehen an.
Ich würde einfach gerne Leute mit T1DB dazu motivieren trotzdem spannende Projekte anzugehen und aufzeigen das trotz Diagnose sportlichen Abenteuern nichts im Wege stehen sollte.
Spannend finde ich aber wie unterschiedlich verschiedene Krankheitssysteme in den Ländern mit Diabetes umgehen.

Was ist Dein aktuelles Lieblingslied, dass Du x-mal hören könntest?
https://open.spotify.com/track/0HqOtmlU0VxwvWhbPd3bRm?si=jPGOoWfMTZ6DEGPJaZLAKw

Hast Du ein Lebensmotto, Mantra, Einstellung, die Dich täglich inspiriert?
Nicht das erzählte reicht, das erreichte zählt.

Hast Du ein Morgenritual wie z.B. Kalt duschen, Liegestützen, Yoga oder ähnliches?
Kaffee V60 oder Siebträger

Was ist Deine Lieblings-App/Tool oder Internet-Ressource z.B. auch zur Dokumentation Deiner BZ-Werte? (www, Tool, Software, App,…)? Was hat für Dich einen großen Mehrwert im Alltag?
Libre 3 Sensor App. Durch Leistungssportvergangenheit habe ich ein sehr gutes Körpergefühl entwickelt. Daher hauptsächlich zum planen und Bestätigung der Werte mit meinen Zustandsgefühl.


Show Notes

Was liest Du, hast Du gelesen bzw. gehört (Hörbuch) und was kannst Du empfehlen?
Ikigai: Die japanische Lebenskunst von Francesc Miralles

Flow in Sport: How to Master the Mental Game Of Peak Performance

Kontaktdaten:
carlobroemel@googlemail.com
https://www.instagram.com/carlo_broemel/
https://www.facebook.com/calo.bromel
https://www.linkedin.com/in/carlo-br%C3%B6mel-7725ba164/

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