480 – Weltdiabetestag 2026: Warum Selbsthilfe vor Ort durch nichts zu ersetzen ist
Da, wo es piept und keiner komisch guckt
Es gibt Orte, da bist Du auf einmal normal. Keiner guckt irritiert, wenn es piept. Keiner fragt, ob Du „das“ überhaupt essen darfst. Und genau dann merkst Du erst, wie viel Energie Dich das ständige Erklären im Alltag eigentlich kostet.
Für Folge 480 hatte ich Anica Towae am Mikro. Anica kümmert sich bei den Diabetikern Baden-Württemberg seit rund sechs, sieben Jahren um die Kinder- und Jugendarbeit. Außerdem koordiniert sie DiaSchulisch, ein Projekt, das es in Baden-Württemberg inzwischen seit zehn Jahren gibt. Die Idee dahinter ist simpel und genial: Lehrkräfte und Erziehungskräfte werden informiert und geschult, damit sie sich im Umgang mit Diabetes sicher fühlen. So kann das Kind ganz normal in Kita und Schule gehen.
Ehrlich gesagt hatte ich gedacht, so etwas gibt es längst überall. Gibt es aber nicht. In Bayern läuft wohl etwas Ähnliches, in vielen anderen Bundesländern fehlt ein vergleichbares Angebot in dieser Form. Solche Projekte leben davon, dass Menschen sie mit Herzblut aufbauen und am Laufen halten. Anica erzählte von einer Referentin, die demnächst richtig weit fährt, weil sonst niemand in der Nähe ist. Einfach, weil ein Kind sonst nicht sicher in die Schule kann. Da kann ich nur sagen: Danke.
Was Eltern nach der Diagnose tun können
Wenn Dein Kind gerade die Diagnose bekommen hat und bald in die Kita oder Schule kommt, rät Anica vor allem zu einem: früh das Gespräch mit der Einrichtung suchen. Und dann konkret klären, was dort möglich ist. Traut sich die Schule das nach einer Schulung selbst zu? Oder braucht es am Anfang Unterstützung, zum Beispiel eine Schulbegleitung?
Ihr Tipp: Am besten werden alle Lehrkräfte informiert, nicht nur die Klassenlehrerin. Denn die größte Hürde ist oft nicht der Diabetes. Es ist die Angst, etwas falsch zu machen. Viele wissen schlicht nicht, was Typ-1-Diabetes überhaupt ist. Sobald man erklärt, worauf es ankommt, fällt vielen ein Stein vom Herzen.
Mein Lieblingsbeispiel aus dem Gespräch: Schulen rufen an und sagen, das Kind sei „schlecht eingestellt, das piept ja ständig“. Anicas Antwort: Das Piepsen ist eine Chance. Genau dafür gibt es Warnsysteme. Wer rechtzeitig reagiert, verhindert, dass es überhaupt kritisch wird.
Ich kenne das übrigens auch als Erwachsener. Ich hasse es, wenn in Seminaren Handys klingeln. Und trotzdem bin ich der Typ, dessen Handy laut bleibt. Weil ich es zum Überleben brauche. Glaub mir: Ich würde mir auch einen anderen Klingelton aussuchen, wenn ich die Wahl hätte.
Leider gibt es auch Einrichtungen, die komplett abblocken. Für Eltern, die gerade frisch mit der Diagnose kämpfen, ist das harter Tobak. Umso wichtiger ist es, zu wissen, wohin man sich wenden kann.
Warum Selbsthilfe mehr ist als ein Chat
Wir haben CGM, Apps, Online-Communitys und inzwischen die KI, die überall mitredet. Warum also noch in eine Selbsthilfegruppe?
Anica hat darauf eine sehr persönliche Antwort. Als ihr Sohn Diabetes bekam und sie das erste Mal in die Gruppe kam, wurde sie einfach in den Arm genommen. Sie bekommt heute noch Gänsehaut, wenn sie davon erzählt. Online-Austausch ist super, keine Frage. Aber jemandem gegenüberzustehen, der Dich ohne Worte versteht, ist etwas anderes.
Bei den Kindern sieht man das besonders. Beim Klettertag, bei dem ich auch schon dabei war, knüpfen die Kids in Rekordzeit Freundschaften. Alle haben Diabetes. Es ist normal. Keiner muss etwas verstecken. Und egal, wie laut es piept: Es ist okay.
Weltdiabetestag 2026: Samstag, 14. November, im SpOrt in Stuttgart-Bad Cannstatt
Und damit zum Anlass der Folge. Die Diabetiker Baden-Württemberg feiern den Weltdiabetestag zusammen mit der Arbeitsgemeinschaft Diabetologie Baden-Württemberg (ADBW) in Stuttgart-Bad Cannstatt. Mit dabei als Jubiläumsgast: 10 Jahre DiaSchulisch.
Neu in diesem Jahr: Neben Ärztinnen und Ärzten aus der Diabetologie kommen Patientenvertreterinnen und -vertreter zu Wort. Theorie trifft Praxis. Es geht um Autoimmunerkrankungen zusätzlich zum Diabetes, um mentale Gesundheit, um das DMP, um Technik und Lifehacks im Alltag. Und weil gerade alle darüber reden, erklärt ein Diabetologe, für wen die Abnehmspritze überhaupt infrage kommt.
Dazu gibt es einen eigenen, bewusst kleineren Raum zum Thema „Psychisches Wohlbefinden und Diabetes“ mit einem Vortrag aus der Diabetespsychologie. Außerdem eine Industrieausstellung mit Workshops, eine Podiumsrunde mit Politik, Krankenkassen und dem Landesapothekerverband und, ganz wichtig für alle Typ-F-Eltern: Kinderbetreuung. Damit Du auch mal in Ruhe zuhören kannst.
Mein Fazit
Wo ein Haufen Menschen mit Diabetes zusammenkommt, ist die Welt anders. Das ist wie ein kleines Hogwarts. Du bist plötzlich normal, und die anderen sind die Exoten.
Also: Komm vorbei. Ohne Plan, ohne Ziel. Sag Hallo, trink ein Wasser, hör Dir einen Vortrag an. Und wenn die Anreise weiter ist: Nach Samstag kommt Sonntag. Mach ein kleines Wochenende draus.
Und vor allem: Feier Dich. Du stemmst das jeden einzelnen Tag. Das verdient mindestens ein High Five. Am besten ein doppeltes, das hält länger.
Show Notes
Weltdiabetestag 2026: Samstag, 14. November 10-16 Uhr, im SpOrt in Stuttgart-Bad Cannstatt
“SpOrt Stuttgart”
Fritz-Walter-Weg 19
70372 Stuttgart-Bad Cannstatt
Kontaktdaten
Anica Towae
DBW Diabetiker Baden-Württemberg e.V.
www.diabetiker-bw.de
https://www.facebook.com/DiabAktivBW/
https://www.instagram.com/diabetiker.bw
296 – Anica Towae – DIAschulisch – keine Angst vor Diabetes in KiTa und Schule!
372 – Abenteuer im Hochseilgarten: Klettern mit Kindern mit Diabetes Typ 1 bei heißen Temperaturen
