BONUS – Insulin ist Leben
Kein Frühstück ohne diesen Stich.
Für mich ist das kein dramatischer Satz. Das ist Alltag.
Ich habe Diabetes Typ 1. Ich brauche Insulin zum Leben. Nicht manchmal. Nicht nur dann, wenn es gerade gut in meinen Tagesablauf passt. Nicht erst, wenn ich mich daran erinnere. Sondern jeden verdammten Tag.
Morgens. Mittags. Abends. Nachts.
Mein Diabetes hat keinen Feierabend.
Noch bevor andere morgens vielleicht überlegen, ob Kaffee oder Tee die bessere Idee ist, laufen bei mir schon ganz andere Gedanken. Wie sieht mein Glukosewert aus? Was macht mein Frühstück? Passt mein Insulin? Muss ich reagieren? Habe ich alles dabei?
Und irgendwann wird aus all diesen Dingen etwas, das von außen fast unsichtbar ist: Routine.
Ich mache weiter, auch wenn keiner zuschaut
Das Faszinierende an meinem Diabetes ist für mich, wie selbstverständlich viele Dinge geworden sind, die eigentlich überhaupt nicht selbstverständlich sind.
Ich kümmere mich jeden Tag um etwas, das ich mir nicht ausgesucht habe. Ich kann nicht einfach sagen: „Heute habe ich keine Lust.“
Natürlich gibt es Tage, an denen wir vielleicht keinen Bock auf Diabetes haben. Tage, an denen uns Technik, Werte, Entscheidungen und die ständige Aufmerksamkeit nerven. Aber unser Körper interessiert sich herzlich wenig dafür, ob Diabetes gerade in unseren Terminplan passt.
Also mache ich weiter. Und genau darin steckt für mich eine Stärke, über die viel zu selten gesprochen wird.
Diabetes läuft auch nachts
Mein Diabetes endet nicht, wenn ich ins Bett gehe. Auch nachts gehört er zu meinem Leben. Werte verändern sich. Technik meldet sich. Manchmal muss ich reagieren, obwohl mein Kopf eigentlich nur schlafen möchte.
Am nächsten Morgen geht es trotzdem weiter.
Und wenn ich mir bewusst mache, wie viel Aufmerksamkeit, Verantwortung und Disziplin dadurch über Jahre zusammenkommen, sehe ich meinen Diabetes heute anders.
Ich sehe nicht nur das, was er mir abverlangt. Ich sehe auch, was ich dadurch gelernt habe.
Ich bin disziplinierter geworden
Disziplin klingt schnell nach Fitnessstudio, Selbstoptimierung und irgendwelchen Motivationssprüchen auf Instagram.
Meine Form von Disziplin sieht anders aus. Sie bedeutet für mich, Dinge zu tun, weil sie notwendig sind. Auch dann, wenn sie nerven.
Dranzubleiben. Hinzugucken. Entscheidungen zu treffen. Nach einer beschissenen Nacht morgens wieder aufzustehen.
Nach einem Wert, der überhaupt nicht so gelaufen ist wie geplant, nicht gleich den ganzen Tag abzuschreiben. Und vor allem bedeutet Disziplin für mich nicht, perfekt zu sein.
Ich bin nicht perfekt. Mein Diabetes ist es übrigens auch nicht.
Meine Werte bestimmen nicht meinen Wert
Das musste ich lernen. Ein Glukosewert ist zunächst einmal genau das: ein Wert.
Er sagt mir nicht, ob ich ein guter oder schlechter Mensch bin. Er entscheidet nicht darüber, ob ich meinen Diabetes „gut genug“ mache. Und er löscht auch nicht all die Entscheidungen aus, die ich jeden einzelnen Tag treffe.
Ich kann mich ärgern. Natürlich. Aber ich muss daraus keine Bullshit-Story bauen, in der ich plötzlich derjenige bin, der angeblich alles falsch macht. Mein Diabetes fordert mich genug. Ich muss nicht auch noch gegen mich selbst kämpfen.
Vielleicht ist Diabetes nicht nur meine Schwäche
Ich brauche Insulin, weil mein Körper es nicht mehr selbst in der notwendigen Weise bereitstellt. Das ist Realität.
Aber genauso real ist für mich etwas anderes: Ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ich habe gelernt, mit Veränderungen umzugehen. Ich habe gelernt, Entscheidungen zu treffen, ohne vorher zu wissen, ob sie hundertprozentig funktionieren. Ich habe gelernt, nach Rückschlägen weiterzumachen. Und ich habe gelernt, dass Stärke nicht bedeutet, dass mich etwas niemals nervt oder belastet.
Stärke bedeutet für mich, trotzdem weiterzumachen.
Mein Diabetes gehört zu mir – aber er definiert mich nicht
Ich bin nicht mein Sensor. Ich bin nicht meine Pumpe. Ich bin nicht meine Kurve. Ich bin nicht mein letzter Glukosewert.
Aber all die Jahre mit Diabetes haben etwas mit mir gemacht. Sie haben mich geprägt. Sie haben mir Routinen beigebracht, die andere Menschen vielleicht nie brauchen werden.
Und deshalb möchte ich meinen Diabetes nicht ausschließlich als Schwäche betrachten.
Ja, er verlangt mir jeden Tag etwas ab. Aber vielleicht liegt genau darin auch meine Stärke.
Ich stehe auf. Ich checke. Ich entscheide. Ich korrigiere. Ich esse. Ich lebe. Ich schlafe. Ich werde manchmal wieder wach. Und am nächsten Morgen beginnt das Ganze von vorne.
Kein Frühstück ohne diesen Stich. Das hier, das bin nur ich.
Und vielleicht bin ich gerade deshalb stärker, als ich manchmal selbst glaube.
Show Notes
219 – Die Organisation Insulin zum Leben mit Heidi Schmidt-Schmiedebach
BONUS – Du böses süßes Stückchen
BONUS – Diabetes und Selbstzweifel: Du bist nicht Deine Werte
