470 – Diabetes Typ 1 Romcon: Yvonne Struck über „(K)ein Date mit dir“
Wenn Diabetes plötzlich zwischen zwei Buchdeckeln sitzt
Es gibt Bücher, die wollen Dich einfach nur kurz aus dem Alltag klauen. Ein bisschen lachen, ein bisschen Herzklopfen, ein bisschen Chaos, ein paar schräge Dates – und zack, bist Du weg. Kopf aus, Geschichte an. Herrlich.
Und dann gibt es Bücher, die machen genau das, aber schmuggeln nebenbei ein Thema rein, das viele von uns jeden Tag mit sich herumschleppen: Diabetes Typ 1. Nicht als Drama-Keule. Nicht als medizinisches Lehrbuch. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern einfach als Teil eines Lebens.
Genau darüber spreche ich in dieser Folge mit Autorin Yvonne Struck. Sie hat mit „(K)ein Date mit dir“ eine Romcom geschrieben – also Romantic Comedy, nur eben zwischen Buchdeckeln statt Netflix-Couch. Es geht um Dating, Social Media, eine YouTube-Datingshow, einen ausgedachten Kandidaten, der plötzlich viel zu beliebt wird, und eine Hauptfigur namens Janne, die Diabetes Typ 1 hat.
Und genau da wird es für uns Zuckerjunkies spannend.
Denn Diabetes ist in diesem Buch nicht das große Problem, das alles überschattet. Er ist auch nicht der tragische Aufhänger, damit die Geschichte „mehr Tiefe“ bekommt. Er ist einfach da. So wie er im echten Leben eben auch da ist. Beim Arbeiten. Beim Daten. Beim Versuch, irgendwie normal zu wirken. Beim Wunsch, nicht ständig erklärt, bemitleidet oder in Watte gepackt zu werden.
Yvonne kennt Diabetes Typ 1 nicht aus irgendeiner schnellen Google-Recherche. Ihr Mann lebt seit dem Kleinkindalter damit, und die beiden sind seit über 30 Jahren zusammen. Trotzdem sagt sie ganz klar: Sie weiß nicht, wie sich eine Unterzuckerung wirklich anfühlt. Sie lebt es nicht im eigenen Körper. Und genau deshalb hat sie sich Hilfe geholt. Ihr Mann hat Szenen gegengelesen, dazu haben zwei junge Frauen mit Typ 1 über Instagram Fragen beantwortet und die Diabetes-Stellen im Buch geprüft.
Das finde ich stark. Weil es zeigt: Wenn man über Diabetes schreibt, muss man nicht so tun, als hätte man die einzig wahre Wahrheit gepachtet. Aber man sollte zuhören. Genau hinhören.
Im Roman hat Janne als Kind ein Erlebnis, das vielen mit Diabetes zumindest vom Gefühl her bekannt vorkommen dürfte: Auf einem Kindergeburtstag bekommt sie Cola, denkt, es sei normale Cola – aber es ist Cola Light. Sie unterzuckert schwer. Und danach behandeln sie die anderen nicht mehr normal. Die einen sind komisch. Die anderen überfürsorglich. Und Janne lernt: Wenn mein Diabetes sichtbar wird, werde ich anders gesehen.
Bäm. Da sitzt er, der kleine fiese Diabetes-Knoten im Kopf.
Also wird Janne perfektionistisch. Sie will funktionieren. Sie will nicht „die mit Diabetes“ sein. Sie geht auch dann zur Arbeit, wenn sie eigentlich gerade nicht rundläuft. Sie versteckt, wenn es ihr schlecht geht. Sie versucht, alles im Griff zu haben.
Kommt uns das bekannt vor? Dieses „Ich mach schon“? Dieses „Alles gut“, obwohl der Körper gerade eigentlich sagt: „Kollege, vielleicht mal kurz hinsetzen?“ Dieses Ding, sich nicht anmerken lassen zu wollen, dass der Diabetes gerade mit am Tisch sitzt und wieder ungefragt die Moderation übernommen hat?
In der Folge sprechen wir genau darüber. Nicht als Therapieanweisung, sondern als ehrlichen Alltagsgedanken. Klar: Eine Unterzuckerung ist nicht automatisch ein Grund, das komplette Leben anzuhalten. Viele von uns behandeln sie, warten ab, fluchen vielleicht kurz und machen weiter. Aber es gibt eben auch Momente, da ist Durchziehen keine Tapferkeit, sondern einfach nur dämlich. Dann darf man sagen: Mir geht’s gerade nicht gut. Ich brauche kurz.
Und nein, das macht Dich nicht schwach. Das macht Dich menschlich.
Spannend ist auch die zweite Ebene im Buch: Janne trifft auf Ben, ihren Nachbarn, den sie erst für arrogant hält. Der Grund? Er erkennt sie nicht wieder. Nicht, weil er unhöflich ist, sondern weil er gesichtsblind ist. Auch darüber erzählt Yvonne sehr persönlich. Gesichtsblindheit bedeutet, dass Menschen Gesichter schlecht oder gar nicht zuverlässig wiedererkennen. Das führt natürlich zu Missverständnissen – im echten Leben und in einer Romcom sowieso.
Und genau da verbindet sich das Ganze: Diabetes, Gesichtsblindheit, Missverständnisse, falsche Annahmen, Scham, Offenheit. Wie oft bauen wir uns eine Story im Kopf, bevor wir überhaupt wissen, was wirklich los ist?
Der Nachbar ist arrogant. Die mit Diabetes ist empfindlich. Der andere stellt sich an. Die erkennt mich nicht, also mag sie mich nicht.
Vielleicht ist es manchmal ganz anders.
Diese Folge ist deshalb mehr als eine Buchvorstellung. Sie ist ein Gespräch über Geschichten – die gedruckten und die im eigenen Kopf. Über das Schreiben, über Lesen als Quality Time, über Bücher, die man abbrechen darf, wenn sie nerven, und über die Frage, warum Social Media eben nicht dasselbe ist wie Lesen.
Und natürlich über Diabetes Typ 1 mitten im Leben. Nicht perfekt. Nicht dramatisiert. Nicht glattgebügelt. Sondern mit Humor, ehrlicher Erfahrung und einem ziemlich sympathischen Chaosfaktor.
Vielleicht ist das auch die schönste Botschaft dieser Folge: Wir brauchen mehr Geschichten, in denen Diabetes vorkommt, ohne dass er die ganze Geschichte auffrisst. Geschichten, in denen Menschen mit Diabetes lieben, arbeiten, daten, lachen, lügen, stolpern, sich verrennen und wieder aufstehen.
Also ganz normale Menschen.
Nur eben mit Sensor, schnellen Kohlenhydraten in Reichweite und manchmal einer Bullshit-Story im Kopf, die dringend mal rausgeworfen werden darf.
Show Notes
Was ist Dein aktuelles Lieblingslied, dass Du x-mal hören könntest?
Ich mag Queen sehr und singe bei den Songs immer laut mit. Zum Thema Mut und Motivation passt natürlich super: Don´t stop me now
Hast Du ein Lebensmotto, Mantra, Einstellung, die Dich täglich inspiriert?
Ein Lebensmotto habe ich nicht, aber ich habe eine Postkarte über dem Schreibtisch mit dem Spruch: Nicht weil etwas so schwer ist, wagst du es nicht. Sondern weil du es nicht wagst, ist es so schwer. Das soll mir sagen: Hör nicht zu sehr auf deine Ängste, grübel nicht zu viel, sondern trau dich, Dinge einfach zu tun.
Hast Du ein Morgenritual wie z.B. Kalt duschen, Liegestützen, Yoga oder ähnliches?
Aufstehen, Zähneputzen, Frühstücken. Dann noch einen Tee kochen und an den Schreibtisch. Das ist schon jeden Morgen so ziemlich gleich, Morgenritual würde ich es aber nicht nennen 😉
Was liest Du, hast Du gelesen bzw. gehört (Hörbuch) und was kannst Du empfehlen?
(K)ein Date mit dir von mir 🙂
Wenn Schmetterlinge Loopings fliegen von Petra Hülsmann
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