466 – KI, Spracheingabe und Diabetes: Kann GLEV den Alltag mit Typ 1 erleichtern?
Wenn Diabetes in Japan zuschlägt – und daraus plötzlich eine App entsteht
Manchmal kommt Diabetes nicht mit Ankündigung. Kein roter Teppich, kein freundliches „Achtung, bald geht’s los“, kein kleines Warnschild am Wegesrand. Manchmal sitzt du einfach irgendwo auf der Welt, willst eigentlich tauchen, reisen, leben, Pläne machen – und plötzlich steht da ein Blutzuckerwert von über 500 im Raum.
In Folge 466 der Zuckerjunkies geht meine Leitung nach Granada zu Lucas. Einem echten Diabetes-Frischling. Also wirklich frisch. Diagnose erst seit kurzer Zeit, noch mitten im Sortieren, Verstehen, Verarbeiten. Und trotzdem nicht in der Ecke sitzend und nur jammernd, sondern mit einem ziemlich absurden Tempo unterwegs: vom Schock der Diagnose zur eigenen Diabetes-App.
Lucas’ Geschichte startet eigentlich gar nicht in Granada, sondern in Japan. Er wollte dort nach seinem Tauchlehrerschein schauen, ob sich ein Saisonjob ergibt. Stattdessen kamen vier Tage Schlappheit, ein Blutzuckerwert von 514 und der Weg in eine Klinik. Dort wurde schnell klar: Das ist kein bisschen „mal kurz ausruhen“, das ist Diabetes. Und zwar so, dass man eigentlich dringend medizinisch begleitet werden möchte.
Was dann folgt, ist eine dieser Geschichten, bei denen man als Mensch mit Diabetes nur den Kopf schütteln kann. Versicherungen, Zahlungsgarantien, Krankenhäuser, Zuständigkeiten, Callcenter und am Ende die unfassbare Situation: Lucas ist nicht mehr „kritisch genug“ für die Aufnahme, aber natürlich trotzdem noch behandlungsbedürftig. Also Rückflug. Auf eigene Kosten. Mit Diabetes im Gepäck und noch einer ganzen Menge offener Fragen.
Und genau hier wird die Folge spannend. Denn Lucas hat nicht einfach nur erzählt: „War schlimm, bin zurück, Ende.“ Er hat angefangen, seine Werte, Mahlzeiten und Reaktionen akribisch zu dokumentieren. Erst mit Tabellen. Dann mit ChatGPT. Essen fotografieren, beschreiben, Makros abschätzen lassen, Blutzuckerwerte nach einer und zwei Stunden festhalten. Alles, was irgendwie helfen könnte, das neue Leben mit Typ 1 besser zu verstehen.
Nur: Wer Diabetes hat, weiß genau, wo das Problem liegt. Dokumentation ist super. Dokumentation ist wertvoll. Dokumentation kann richtig viel bringen. Aber sie nervt auch brutal. Vor allem, wenn du mobil unterwegs bist und nicht jedes Brötchen, jedes Baguette und jede Banane in eine Tabelle kloppen willst.
Aus diesem Frust ist GLEV entstanden. Die Abkürzung steht für Glucose Evaluation. Eine App, die den Aufwand rund ums Dokumentieren reduzieren soll. Lucas will die Reibung rausnehmen. Statt fünf bis zehn Minuten Tipparbeit soll es schneller gehen. Im Idealfall: reinsprechen, erfassen, auswerten, lernen.
Besonders spannend ist dabei der Ansatz über Spracheingabe. Für mich persönlich ist das sowieso ein riesiges Thema. Ich bin viel unterwegs, viel im Auto, viel nebenher beschäftigt. Wenn ich meinem System einfach sagen könnte: „Ich esse jetzt ein Baguette mit Butter und Salami“, und die App macht daraus verwertbare Daten, dann ist das nicht nur Spielerei. Das ist Alltagserleichterung.
Und es geht noch weiter. LuCas denkt auch an Eltern von Kindern mit Typ 1. Gerade im Kindergartenalter ist Diabetes oft ein organisatorischer Albtraum. Betreuungspersonen kennen sich nicht immer sicher aus, Eltern müssen erreichbar sein, Essen muss eingeschätzt werden, Insulindosen müssen abgestimmt werden. Die Idee: Das Kind oder die Betreuung spricht das Essen ein, die Eltern bekommen eine Push-Nachricht, prüfen die Situation und senden die passende Information zurück. Weniger Telefonchaos, weniger Stress, klarere Abläufe.
Wichtig: GLEV ist aktuell keine Medizin-App im Sinne einer zertifizierten Therapieentscheidung. LuCas sagt selbst klar, dass CE-Zertifizierungen und echte medizinische Zulassungen ein langer Prozess sind. Die App soll unterstützen, nicht die Verantwortung übernehmen. Sie kann dokumentieren, berechnen, auswerten und Hinweise geben. Entscheiden müssen am Ende immer noch Mensch, Erfahrung und medizinische Betreuung.
Die App soll außerdem mitlernen. Über eine adaptive Engine werden Mahlzeiten und Verläufe bewertet. Gute Verläufe fließen stärker ein, schlechte schwächer. Daraus können sich Hinweise ergeben, ob bestimmte Kohlenhydratfaktoren morgens, mittags oder abends vielleicht anders laufen als bisher gedacht. Nicht als Befehl, sondern als Entscheidungshilfe.
Ein weiteres großes Thema in der Folge: Daten. Was geht wohin? Was sieht die KI? Was bleibt privat? Lucas erklärt, dass aktuell nicht alle intimen Diabetesdaten einfach an eine KI gehen. Erst einmal wird vor allem das verarbeitet, was zur Essensanalyse nötig ist. Perspektivisch kann es aber einen KI-Sparringspartner geben, der tiefer mit Glukosewerten, Symptomen oder Mustern arbeitet – aber nur, wenn Nutzerinnen und Nutzer das bewusst freigeben.
Und dann kommt noch mein persönlicher Aufruf: Liebe blinde und sehbehinderte Diabetes-Community, hier könnte eine Chance liegen. Wenn eine App gerade noch im Entstehen ist, kann Feedback richtig wertvoll sein. Nicht nur meckern, sondern sagen: „Das funktioniert für uns nicht, aber so könnte es gehen.“ Genau dann können Entwickler etwas daraus machen.
Diese Folge ist deshalb mehr als nur ein Gespräch über eine neue App. Sie ist ein Blick auf das, was in der Diabeteswelt gerade passiert. Immer mehr Menschen mit eigener Betroffenheit bauen Tools, weil sie selbst merken: Da fehlt etwas. Da nervt etwas. Da könnte es besser gehen.
Lucas ist frisch diagnostiziert, aber nicht passiv. Er nimmt Frust, Chaos, Versicherungsärger und Überforderung und baut daraus etwas, das anderen helfen könnte. Ob GLEV am Ende genau die App wird, auf die viele gewartet haben, wird sich zeigen. Aber der Ansatz ist spannend. Und genau solche Entwicklungen gehören auf den Tisch.
Denn Diabetes ist schon kompliziert genug. Wenn Technik uns einen Teil der Reibung nimmt, ohne uns das Denken komplett abzunehmen, dann lohnt es sich, hinzuschauen.
Mein Gast stellt sich vor
Ich heiße Lucas Wahnon und bin Gründer von Glev — einer sprachgesteuerten App für Menschen mit Typ-1-Diabetes.
Meine Diagnose kam im April 2026, in Okinawa, Japan. Blutzucker: 514. Weit weg von zuhause, Versicherungsschwierigkeiten, lange ohne Behandlung. Irgendwann war klar: ich muss zurückfliegen um überhaupt versorgt zu werden.
Zurück in Deutschland hab ich angefangen alles zu tracken was man als T1D tracken muss — Mahlzeiten, Boli, Glukoseverläufe. Und ich hab gemerkt: das ist verdammt viel Tippen. Jeden Tag, bei jeder Mahlzeit, während man gerade isst oder schon wieder an was anderes denkt.
Glev ist aus dieser Frustration entstanden. Einfach kurz ins Handy sprechen — „Pasta mit Soße, 120g, Glukose 142“ — und Glev rechnet die Makros, verknüpft den CGM-Wert und schlägt den Bolus-Rechner vor. Fertig. Kein Tippen.
Was mich wirklich antreibt ist die Idee, dass Diabetes-Management sich nicht wie Verwaltungsarbeit anfühlen sollte. Es sollte sich anfühlen wie etwas das für dich arbeitet — nicht umgekehrt.
Glev startet im Juli 2026. Ich bin gespannt auf alles was noch kommt — und freue mich riesig über Communitys wie die von Zuckerjunkies, die das einfach kapieren.
Was ist Dein aktuelles Lieblingslied, dass Du x-mal hören könntest?
Omar S. – Second Life
Hast Du ein Lebensmotto, Mantra, Einstellung, die Dich täglich inspiriert?
Mantra ja 🙂 Ich bin vital, gesund, fähig, stark und freundlich
Hast Du ein Morgenritual wie z.B. Kalt duschen, Liegestützen, Yoga oder ähnliches?
Kalt duschen und Wim-Hof atmung
Was ist Deine Lieblings-App/Tool oder Internet-Ressource z.B. auch zur Dokumentation Deiner BZ-Werte? (www, Tool, Software, App,…)? Was hat für Dich einen großen Mehrwert im Alltag?
Glev ganz klar 🙂
Was liest Du, hast Du gelesen bzw. gehört (Hörbuch) und was kannst Du empfehlen?
Die Autobiographie von Anthony Hopkins – We did ok, Kid
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