Schwimmen mit Diabetes

Dürfen Diabetiker überhaupt schwimmen? Das ist doch so anstrengend und im Wasser kann dir keiner so schnell helfen!?

Ja, solche Gedanken hatte ich anfangs über alle mögliche Sportthemen. Ich habe damals wirklich alle sportlichen Aktivitäten an den Nagel gehängt. Wir reden hier von richtig viel Sport … Joggen, Inliner, Mountainbiken, Klettern (Freeclimbing), Tauchen und natürlich mein geliebtes Schwimmen. Alles hingeschmissen, weil ich die Hose erst einmal bis oben hin voll hatte und auch nicht damit klar gekommen bin, wie ich das alles mit meinem neuem Freund HbA1c meistern sollte.

DU KANNST ALLES MACHEN WAS DU WILLST … WENN DU ES NUR WILLST

Vor dem Schwimmen, ist nach dem Schwimmen. Was du über das Schwimmen WISSEN musst.

Schwimmen gehört in meinen Augen mit zu den Sportarten, die gehörig Energie verbraten. Als erstes sollte dir bewusst sein, dass das Wasser nicht 37 Grad warm ist, außer du sitzt jetzt gerade in der Badewanne. Somit muss dein Körper am Anfang und auch zwischendrin ständig heizen, damit du nicht unterkühlst. Zweitens ist beim Schwimmen der gesamte Körper gefragt – Nein, Treibgutschwimmtechnik zählt nicht.

Dein Körper schaufelt daher immer brav Zucker, wie Kohlen in ´nem Kraftwerk, zum Verbrennen in die Zellen.

Plane deine Schwimmzeit und Intensität

Bevor du Schwimmen gehst, überlege dir ob du nur so ein bisschen schwimmst oder eine Trainingseinheit abspulen wirst.

Anmerkung: Ich werde mich in diesem Beitrag auf die Trainingseinheit fokussieren, da normales Schwimmen hiermit ebenfalls abgedeckt ist, bzw. später auch etwas entspannter angegangen werden kann.

Pumpenträger – Basalrate zwei Stunden vorher reduzieren

Stell bei deiner Pumpe die Temporäre Basal Rate (TBR) auf 50-60% und als Laufzeit fängst du mit zwei Stunden an. die TBR reduziert dein aktuelles Tagesprofil ab dem Start um die eingestellt Prozentzahl. Da das Insulin bei uns nicht sofort wirkt, brauchen wir diese ein bis zwei Stunden Verzögerung, damit unser Zucker ansteigen kann.

Pen – Insulinspritze – Weniger Insulin spritzen und zusätzliche BEs bereithalten

Wenn du das Insulin mit dem Pen verabreichst und vor dem Sport was isst, solltest du entweder gar nichts spritzen oder nur 50%. Damit musst du aber spielen. Weiss ja nicht, was du gerne vor dem Sport isst.

Darf ich trotzdem vor dem Schwimmen essen?

Unbedingt aber rechtzeitig und nichts schweres. Ebenfalls solltest du bei größeren Mahlzeiten wie z.B. Spaghetti, Pizza, 400g Steak mit Bratkartoffel und Salat:) mindestens zwei Stunden Pause einrechnen und … mich beim nächsten Mal einladen!

Ich persönlich esse vor dem Schwimmen nur leichte Sachen. Morgens esse ich eine Banane, Mittags Banane oder irgendwas wie z.B. kleine Portion Reis oder Couscous mit gebratenem Putenfleisch. Verzichte auf irgendwelche „Querschläger“. Diese esse ich lieber gerne danach 😉

Generell solltest du immer eine Person im Schwimmbad informieren, wenn du nicht mit Freunden unterwegs bist, dass du Diabetiker bist und wo was ist, wenn was gebraucht wird.

Messen und ggf. 1-2 schnelle BE essen

Eine halbe Stunde vor dem Schwimmen misst du deinen Zucker. Entwickelt sich dieser in Richtung 180-200 mg/dl ist schon einmal alles gut. Falls dein Zucker noch bei 100-120 mg/dl rumdümpelt nimmst du eine schnelle BE wie z.B. eine Banane (2 BE).

Kurz vor dem Start misst du wieder deinen Zucker. Jetzt sollte dieser entsprechend oben bei 180 – 200 mg/dl sein. Mit ein wenig Erfahrung kannst du auch mit einem Wert von 130 ins Wasser springen, weil du schon weisst, dass dein Zucker aufgrund der weggelassenen Insulineinheiten nach oben krabbeln wird. MUSST DU ABER WIRKLICH WISSEN!!!!

 

Wie dein Körper auf die Reduzierung von Insulin beim Pen oder der reduzierten TBR bei der Insulinpumpe reagiert, musst du ausprobieren. Bei mir sind zwei Stunden super. Nach einer Stunde passiert bei mir null und nach zwei Stunden geht der Zucker gut nach oben und hält locker 1-1.5 Stunden.

In Abständen immer wieder messen

Wenn ich eine Einheit schwimme und mir vom Gefühl nicht sicher bin, ob heute alles klappt, messe ich lieber einmal zu viel als zu wenig. Ich merke beim Sport an sich keine Unterzuckerung. Ich mache in diesem Fall eine Einheit mit 400m und messe danach meinen Zucker. Ist soweit alles gut und der Zucker steigt, mache ich wieder eine 400m Einheit und messe erneut. Nervt – aber immer safety first. Sobald ich merke, dass ich mit meinem Zucker eine sinkende Tendenz habe, nehme ich spätestens bei 130 mg/dl zwei schnelle BEs (Saft, Traubenzucker, Cola, Sportgel wie z.B. Sponser Liquid etc.) zu mir. Jetzt schwimme ich eine lockere 400m Einheit und schaue, ob der Zucker weiter sinkt, stabil bleibt oder wieder ansteigt. Sinkt der Zucker weiter, unterbreche ich die Einheit und warte was passiert. Geht der Zucker nicht hoch, höre ich entweder auf oder pusche ihn nochmals mit schnellen BEs. Immer abhängig, was mein bzw. dein Tages-Trainingsziel ist. Wegen dem Zucker höre ich nicht auf. Ich warte eben ab. Nicht toll aber es klappt immer!

Wenn du das Thema im Griff und ein Gefühl für deinen Zucker bekommen hast, erhöhst du deine Schwimmeinheiten um 200m und schaust wieder was passiert.

ACHTUNG vor einer möglichen KETOAZIDOSE ab 250 mg/dl

Wenn dein Zucker die 250er Marke erreicht und nicht mehr sinkt, im schlimmsten Fall nur noch steigt, musst du Ketone messen, ggf. dein Insulin, gelegte Nadel (Pumpe) und Schlauch (Pumpe) prüfen. Bei gemessenen Ketonen sofortiger Abbruch der Sporteinheit, viel trinken und Gegenmaßnahmen einleiten und/oder deinen Arzt / Diabetologen / Klinik konsultieren, wenn du nicht sicher bist, was du machen sollst. Wenn du keine Ketone gemessen hast, würde ich dennoch die Einheit abbrechen.

 

Riskiere nichts. Lieber Pause und gesund nach Hause.

Muskelauffülleffekt

Nach dem Sport werden die Glukosespeicher wieder geladen. Wie lange dies dauert ist immer abhängig von der Zeit und Intensität.

Das Insulin muss daher auch nach dem Sport noch etwas reduziert werden. Vor allem in der Nacht aufpassen. Lieber ein paar Stunden länger das Insulin reduziert über die Pumpe laufen lassen, als in die Hypo zu kommen.

Faustregel mit meiner Empfehlung

  • 1 Stunde mittlere bis schwere Intensität = 2 Stunden 60-70% die TBR laufen lassen bzw. beim Pen weniger zum Essen spritzen
  • 2 Stunden mittlere bis schwere Intensität = 3 – 4 Stunden 60-70% TBR
  • < 2 Stunde musst du dich wieder herantasten. Ich würde mit 5 – 7 Stunden anfangen

Dokumentieren ist bei Diabetes das A und O

Deine Zeit- inkl. Blutwerte vor und nach der Einheit notierst du dir immer, am besten mit einem Trainingsbuch oder in deinem Zuckertagebuch. Auf diese Daten greifst du zurück, wenn du gleiche oder eine ähnliche intensive Einheit trainierst. Stimmen diese Ergebnisse überein? Klopf dir auf die Schulter und gönne dir auch was. Egal was. Du bist hier definitiv einen Schritt weitergekommen.

Hinweis zum Dokumentieren: Nur, wenn du auf deine Aufzeichnungen zurückgreifen kannst, kannst du mit den gewonnenen Erkenntnissen, Erfahrungen arbeiten bzw. überprüfen, ob deine Einschätzungen von BE und Insulinabgabe stimmen. Weiterhin kannst du das auch mit deinem Arzt oder Diabetologen besprechen.

Half-IRONMAN Distanz mit der Insulinpumpe

Irgendwann hast du den Dreh raus und schwimmst die 3,8km IRONMAN Distanz :).

Ich führ meinen Teil bin die Halbdistanz von 1,9km geschwommen und habe mich im Training an die obere Regel gehalten. Bei der halben IRONMAN Distanz reduziere ich mein Insulin mit der Pumpe auf 30% zwei Stunden vor dem Start und lasse diese 6 Stunden laufen. Das Frühstück spritze ganz normal.

Vor dem Schwimmstart messe ich den Zucker, drücke mir eine Tube Sponser Liquid Gel aus einer Kombi von Koffein, schnellen und langsamen Kohlenhydraten (4 BEs) rein. EGAL, ob der Zucker bei 130 oder bei 180 ist. Warum? Das Schwimmen ist für mich die mental schwerste Aufgabe, weil ich eben in einem Pulk von Schwimmern unterwegs bin und ich die Hypo nicht beim intensiven Sport nicht merke. Daher verbrate ich richtig viel. Ich habe sogar eine extra Tube im Handgelenksteil vom Neoprenanzug, falls ich das Bedürfnis bekommen sollte. Nach der Schwimmeinheit, geht´s aufs Rad (90km) und am Schluß auf die Laufstrecke (21km). Ab der Radeinheit messe ich jede 30 Minuten, um ein Gefühl vom Zuckerverlauf zu bekommen. Ich nehme normalerweise alle 30 Minuten 1.5 – 2 BE in Form von Gel zu mir.

Ich hoffe, dir damit ein wenig geholfen zu haben und wünsche dir viel Spaß und Erfolg bei der Umsetzung.

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