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478 – Ketoazidose-Angst vs. Realität: Fasten und Diabetes Typ 1 im Faktencheck

Warum Fasten mit Diabetes Typ 1 kein Tabu sein muss – und was Forschung und Erfahrung wirklich zeigen.

Ketoazidose. Das Wort, das jedem Typ-1-Diabetiker eiskalt über den Rücken läuft, sobald jemand das Wort „Fasten“ in den Mund nimmt.

Disclaimer

Hinweis: Diese Folge ersetzt keine medizinische Beratung. Alles, was hier besprochen wird, basiert auf persönlichen Erfahrungen, Meinungen und Gesprächen. Medizinische Entscheidungen solltest Du immer mit Deinem Diabetesteam besprechen.

Fasten und Diabetes Typ 1 – das galt jahrzehntelang als Kombination, die man einfach nicht macht. Punkt. Aus. Ende der Diskussion. Genau diese Diskussion habe ich in dieser Folge trotzdem geführt – mit zwei Menschen, die es besser wissen: Bettina Berger, Wissenschaftlerin an der Uni Witten/Herdecke, die seit Jahren zum Fasten bei Typ 1 Diabetes forscht, und Michael, der seit über 30 Jahren fastet und selbst mehrfach an Bettinas Fasten-Wochen teilgenommen hat.

Und was soll ich sagen: Ich bin aus diesem Gespräch mit einem komplett anderen Bild rausgegangen, als ich reingegangen bin.

Fangen wir mit der Angst an, denn die sitzt bei uns allen tief. „Ketone = gefährlich“ – das haben wir alle irgendwo eingebrannt bekommen. Bettina hat sich genau das angeschaut und ist bei ihrer Recherche auf etwas gestoßen, das mich ehrlich überrascht hat: Eine Ketoazidose wird in den Leitlinien nicht allein über Ketonwerte definiert. Es braucht die Kombination aus deutlich zu hohem Blutzucker (über 250), einem zu niedrigen pH-Wert und niedrigen Bicarbonatwerten. Ketose an sich – also der Zustand, in dem der Körper seine Energie aus Fettreserven statt aus Kohlenhydraten zieht – ist erst mal ein völlig normaler, physiologischer Vorgang. Wir alle sind jede Nacht ein bisschen in Ketose. Babys kommen mit Ketose zur Welt. Das ist keine Krankheit, das ist ein eingebauter Überlebensmechanismus.

Was mich besonders gepackt hat: Wenn man wirklich in der Ketose ist, werden Unterzuckerungen sogar seltener, nicht häufiger. Klingt paradox, wenn man mit dem alten Angstbild im Kopf rangeht – ergibt aber Sinn, wenn man versteht, wie Insulin und Ketone sich gegenseitig regulieren.

Michael hat mir aus erster Hand erzählt, wie sich das im echten Leben anfühlt. Er ist über die Jahre von 18 Einheiten Basalinsulin auf 7 bis 8 runtergegangen – Schritt für Schritt, immer beobachtend, nie mit der Brechstange. Fünf Tage komplett gefastet, Blutzucker „wie mit dem Geodreieck gezogen“, wie er es beschrieben hat. Und trotzdem: kein Drama, keine Horrorgeschichte, sondern ein Prozess, den er über 30 Jahre für sich selbst austariert hat – immer in Absprache mit seinem Diabetesteam.

Genau das ist der Punkt, den beide immer wieder betont haben, und den ich hier genauso weitergebe: Das sind persönliche Erfahrungen, keine Anleitung zum Nachmachen. Wenn bei Bettinas Fastenwochen im brandenburgischen Götz (die Location heißt übrigens großartig treffend „Raum für Eigensinn“) jemand mitmacht, dann nur vor Ort, in Präsenz, mit ärztlicher Begleitung. Kein Online-Fasten, ganz bewusst. Weil eine Fastenkrise, ein schlechter Tag, ein Ausrutscher – das gehört dazu, und dafür muss jemand mit Erfahrung daneben stehen.

Was mich außerdem nachdenklich gemacht hat: Bettinas Weg dahin war alles andere als glatt. Krankenkassen haben ihr früher gesagt, Typ-1-Diabetiker dürften grundsätzlich nicht fasten. Ein renommierter Fastenforscher hat eine Studie zu genau diesem Thema abgelehnt – aus Angst, nicht aus Daten. Eine Stiftung hat die Förderung mit der Begründung verweigert, man sähe „keinen Zugewinn“ für Typ-1-Diabetiker im Fasten. Und trotzdem hat sie weitergemacht, hat ihre eigene Erfahrung dokumentiert, ein Studienprotokoll geschrieben, ist hartnäckig geblieben. Mittlerweile stehen vier Ärzte hinter einem neuen Förderantrag. Das ist die Bullshit-Story, gegen die sie angetreten ist – nicht ihre eigene, sondern die, die andere ihr über Diabetes erzählt haben.

Spannend fand ich auch die andere Seite der Medaille: Was passiert eigentlich, wenn das Fasten vorbei ist? Genau da forscht Bettinas Team gerade weiter, weil manche Menschen nach dem Fasten Wochen brauchen, bis ihr Blutzucker sich wieder normal einpendelt – trotz gesunkener Ketonwerte. Ein Beweis dafür, dass wir hier noch lange nicht alles verstanden haben, und dass genau deshalb mehr Forschung nötig ist, nicht weniger.

Was bleibt für mich hängen? Fasten mit Typ 1 ist offensichtlich möglich – aber es ist kein Selbstläufer, kein „einfach mal ausprobieren am Wochenende“. Es braucht Wissen, Begleitung und die Bereitschaft, sich selbst über Wochen und Jahre kennenzulernen. Und es braucht Menschen wie Bettina und Michael, die bereit sind, gegen eine über Jahrzehnte gewachsene Angstkultur anzureden.

Ich bin zumindest neugierig geworden. Vielleicht wird aus dieser Neugier ja noch ein kleines Live-Experiment für den Podcast. Ihr werdet es als Erste erfahren.


Show Notes

Publikation auf englisch

Presseerklärung zum Preisverleih
https://natuerlich.thieme.de/aktuelles/nachrichten/detail/holzschuh-preis-2021-geht-an-bettina-berger-138

You Tube Film zum Fasten https://www.youtube.com/watch?v=MLZz6XBipXk&t=6s

Raum für Eigensinn
https://www.raum-fuer-eigensinn.de/

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