InterviewReisen

471 – 75 Klassenfahrten mit Diabetes Marco über Freiheit und Verantwortung

Nicht die perfekte Linie zählt

Manche Kinder fahren einfach auf Klassenfahrt. Andere müssen vorher beweisen, dass ihr Diabetes mitfahren darf.

Und genau da werde ich sauer.

Nicht, weil Lehrkräfte grundsätzlich keine Lust haben. Nicht, weil Eltern übertreiben. Sondern weil ein Kind plötzlich zwischen Unsicherheit, Verantwortung, Krankenkassenformularen und der Angst hängen bleibt, dass etwas passieren könnte. Während die restliche Klasse Koffer packt, Busplätze verteilt und plant, welche Süßigkeiten heimlich mitkommen, steht bei einem Kind die Frage im Raum:

Darf ich überhaupt mit?

Mein Gast Marco kennt diese Situation nicht aus einem schlauen Ratgeber. Er hat bis Juli 2026 bereits 75 Klassenfahrten begleitet. Er gehört zu den Helferherzen, die dafür sorgen, dass Kinder mit Typ-1-Diabetes nicht zu Hause bleiben müssen.

Mittlerweile fährt Marco nicht nur kreuz und quer durch Deutschland und teilweise sogar ins Ausland. Er hilft auch im Hintergrund bei der Organisation, arbeitet sich durch den Formularwust der Krankenkassen und hört Menschen zu, wenn deren Welt gerade ein bisschen zu laut geworden ist.

Ein Satz aus unserem Gespräch ist mir besonders hängen geblieben:

Zuhören ist keine Likes sammeln.

Denn diese Arbeit ist meistens unsichtbar. Aus gutem Grund werden keine Kinder, Glukosekurven oder schwierigen Situationen öffentlich vorgeführt. Es gibt kein tägliches Helden-Reel und keinen Applaus dafür, dass nachts ein Sensoralarm geklärt oder mitten auf der Wanderung eine Hypo abgefangen wurde.

Trotzdem kann genau diese stille Arbeit dafür sorgen, dass die Welt eines Kindes hinterher ein kleines bisschen heller ist.

Das Backup statt des Diabetes-Satelliten

Marco beschreibt sich nicht als Aufpasser. Er ist nicht Mama und nicht Papa. Er möchte auch nicht wie ein kleiner Satellit ständig um das Kind kreisen.

Er ist das Backup.

Im besten Fall fällt den anderen Kindern gar nicht auf, dass er nur wegen des Diabetesmanagements mitgefahren ist. Marco integriert sich in die Klasse, unterstützt die Lehrkräfte und ist da, wenn er gebraucht wird. Das Kind soll nicht die ganze Woche als „das Diabeteskind mit Sonderbegleitung“ im Mittelpunkt stehen.

Denn es ist immer noch die Klassenfahrt des Kindes. Nicht Marcos Klassenfahrt. Nicht die der Eltern. Nicht die des Diabetes.

Deshalb fragt er vorher: Wie möchtest Du begleitet werden? Möchtest Du Dein Essen wiegen oder lieber schätzen? Möchtest Du viel selbst übernehmen? Oder brauchst Du vielleicht ein paar Tage Diabetesurlaub, während jemand im Hintergrund mehr Management übernimmt?

Jedes Kind ist anders. Genau deshalb funktioniert eine Betreuung nach Schema F nicht.

Willkommen im Klassenfahrt-Diabetes-Universum

Klassenfahrten sind sowieso organisiertes Chaos. Mit Diabetes wird daraus noch einmal ein eigenes Universum.

Beim Frühstück gibt es jede Menge Kohlenhydrate. Danach soll gewandert werden. Also muss beim Insulin berücksichtigt werden, dass gleich Bewegung kommt.

Nur geht die Klasse natürlich nicht wie geplant um neun Uhr los.

Zwei Kinder haben die falschen Schuhe an. Drei müssen noch einmal aufs Klo. Fünf suchen ihre Wasserflasche. Der Glukosewert steigt und steigt. Eine zusätzliche Korrektur wäre aber vielleicht genau das Insulin, das später mitten auf der Wanderung zur Hypo führt.

Das ist kein Versagen. Das ist Klassenfahrt.

Und deshalb geht es laut Marco nicht darum, auf einer Klassenfahrt einen perfekten Diabetes zu produzieren. Das oberste Ziel ist, dass das Kind eine schöne Zeit hat.

Es soll Pizza essen dürfen. Es soll wandern, lachen, Unsinn machen und auch mal danebenliegen dürfen. Diabetesmanagement bleibt wichtig, aber es darf nicht das komplette Erlebnis auffressen.

Fehler lösen statt Schuld verteilen

Besonders stark finde ich Marcos Umgang mit Fehlern.

Wenn ein Glukosewert komplett eskaliert, fragt er nicht sofort: „Was hast Du gegessen?“

Denn wir alle wissen, was diese Frage auslösen kann. Scham. Verteidigung. Vielleicht auch eine kreative Antwort, die mit der Realität nur noch entfernt verwandt ist.

Marco sagt stattdessen sinngemäß:

Du weißt, was passiert ist. Jetzt korrigiere Dich passend.

Kein Drama. Kein Verhör. Kein „Wie konntest Du nur?“.

Erst wird die Situation gelöst. Danach kann man gemeinsam schauen, was passiert ist und was man beim nächsten Mal anders machen könnte.

Kinder machen Fehler. Erwachsene übrigens auch. Ich ebenfalls.

Wer nach einer Pizza mehrere Stunden eine wunderschöne Linie sieht und dann zwei Stunden später mit einem Wert jenseits von Gut und Böse aufwacht, kennt das Spiel. Trotzdem würde ich wieder Pizza essen.

Leben mit Diabetes bedeutet nicht, alles zu vermeiden, was schwierig werden könnte. Es bedeutet, Erfahrungen zu sammeln und zu lernen, damit umzugehen.

75 Fahrten – keine abgebrochen

Marco hat in 75 Klassenfahrten einiges erlebt: Hypos, hohe Werte, Magen-Darm, Ketone und Situationen, die definitiv nicht im Bilderbuch standen.

Trotzdem musste er bislang keine Klassenfahrt abbrechen.

Mit Erfahrung, Kommunikation, Ruhe und der Einbindung der Lehrkräfte konnten die Probleme vor Ort gelöst werden. Anschließend durften die Kinder selbst mitentscheiden, ob sie weiterfahren möchten. Sie entschieden sich für die Klassenfahrt.

Und dann erzählt Marco von einem Kind, das dank der Begleitung zum ersten Mal überhaupt mit seiner Klasse verreisen konnte. Ausgerechnet diese erste Fahrt war gleichzeitig die Abschlussklassenfahrt.

Das Kind war glücklich. Die Klasse war glücklich.

Mehr muss man über den Sinn dieser Arbeit eigentlich nicht sagen.

Es fehlen weitere Helferherzen

Trotz rund 80 Helferinnen und Helfern mussten bereits Anfragen für den September abgesagt werden. Es fehlen Menschen, die sich eine solche Begleitung zutrauen.

Dabei bedeutet eine Anmeldung nicht, dass Du ab sofort jede Woche in einem Reisebus sitzen musst. Du kannst bei jeder Anfrage neu entscheiden:

Passt die Region? Kenne ich die verwendete Pumpe? Habe ich Zeit? Traue ich mir diese Fahrt zu?

Menschen mit eigenem Typ-1-Diabetes, Eltern von Kindern mit Diabetes und Personen, die beruflich Erfahrung mit dem Thema haben, bringen häufig bereits eine wichtige Grundlage mit.

Natürlich ist die Aufgabe verantwortungsvoll. Manchmal ist sie anstrengend. Aber sie ermöglicht etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte:

Ein Kind darf mit seiner Klasse verreisen.

Eine Klassenfahrt besteht aus Chaos, Pizza, Wanderschuhen, zu wenig Schlaf und Geschichten, die noch Jahre später erzählt werden. Genau deshalb gehört jedes Kind dazu.

Nicht trotz Diabetes. Mit Diabetes.


Mein Gast stellt sich vor

Vorstellung-Gast:
Ich bin Marco, Helferherz beim Projekt KlaFa, Klassenfahrtbegleitung für Kinder mit Typ1-Diabetes. Stand Juli 26 habe ich 75 Klassenfahrten begleitet. Unser Projekt unter der Leitung von Kathleen Brockelmann organisiert seit Jahren die ehrenamtlichen Helfer und vor allem die Kosten für solche Begleitungen. Wir suchen immer wieder neue Helferherzen, da wir weit mehr Anfragen aus ganz Deutschland haben, als wir bedienen können.

Was ist Dein aktuelles Lieblingslied, dass Du x-mal hören könntest?
https://youtu.be/pAzEY1MfXrQ

Hast Du ein Lebensmotto, Mantra, Einstellung, die Dich täglich inspiriert?
Einfach weitermachen.

Hast Du ein Morgenritual wie z.B. Kalt duschen, Liegestützen, Yoga oder ähnliches?
Kaffee!

Was ist Deine Lieblings-App/Tool oder Internet-Ressource z.B. auch zur Dokumentation Deiner BZ-Werte? (www, Tool, Software, App,…)? Was hat für Dich einen großen Mehrwert im Alltag?
Ich nutze nur die G7-App von Dexcom. Das reicht mir. Mit einem HbA1c von um die 5,9 und einer TIR von 95 bis 98 Prozent brauche ich nicht mehr.

Was liest Du, hast Du gelesen bzw. gehört (Hörbuch) und was kannst Du empfehlen?
Aktuell höre ich das Hörbuch „Artemis“ von Andy Weir


Show Notes

285 – Marco Küpper – KLAFA Betreuer Blick hinter die Kulissen einer Klassenfahrt

Werde ein Helferherz!!

KLAFA Klassenfahrtbetreuung von Kinder mit Diabetes

447 – Dia Engel: So funktioniert echte Hilfe bei Diabetes

Kontaktdaten:
https://www.klassenfahrtbetreuung-menschen-mit-diabetes-klafa.de/

eMail: klassenfahrtbetreuung@gmail.com

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